Der letzte Schnee

nach dem Roman von Arno Camenisch

Regie: Jonas Knecht

Was ändert, wenn der Schnee wegbleibt? Wenn der identitätsstiftende Wintersport nur noch Erinnerung sein wird? Was bleibt, wenn die Grundlage förmlich unter dem Hintern weggetaut ist?

In Arno Camenischs schmalem, in seinem Ton unverwechselbar lakonischem und bündnerisch gefärbtem Roman „Der letzte Schnee” warten Paul und Georg an ihrem Schlepper, einem Skilift, der offenbar schon bessere Zeiten gesehen hat. Alles ist bereit: Die Bügel hängen, das Offen!-Schild gut sichtbar platziert. Doch es fehlt das Publikum und es fehlt der Schnee. Und damit fehlt auch der Sinn. Becketts Vladimir und Estragon hat es in die Schweizer Alpen verschlagen und das absurde Theater einen melancholisch-helvetischen Trieb hervorgebracht. Und der ist so poetisch wie aktuell.

Paul und Georg warten. Warten hoffungsvoll. Warten genervt. Warten schliesslich resigniert. Es war doch mal so schön. Doch jetzt… Sie haben viel Zeit zu philosophieren, der Grat zwischen grössten und kleinsten Fragen ist scharf, der Witz der beiden knorrigen Gesellen (Jonathan Loosli und David Berger) in ihren 80er-Jahre-Skianzügen durchaus so untergründig wie das alles beherrschende Tauwetter.

Am Konzert Theater Bern scheint Jonas Knecht, der St.Galler Schauspielchef, die beiden Gestalten zunächst direkt aus einem Alpental ausgeschnitten und ins Theater importiert zu haben, inklusive dem Tannli neben und dem diversen Gerümpel hinter dem Skilifthäuschen. Der Sound des Romans bekommt auf der weit offenen Bühne viel Raum.

Soweit so texttreu. Doch Romane auf der Bühne brauchen etwas mehr, das Medium Theater muss seine Stärken einbringen. Der scheinbare Naturalismus wird hier fein unterlaufen und überhöht: Einerseits durch Anna Trauffers Live-Musik zwischen Glasharfenklängen und Mahler-Adaption, die einen doppelten Boden schafft. Andererseits durch den Kunstgriff der Regie, den beiden Berglern zwei unsichtbare, aber effiziente Spezialisten der Vergänglichkeit gegenüberzustellen. Geisterhaft, aber überhaupt nicht unheimlich, räumen sie auf, was nicht mehr gebraucht wird. Was kann alles weg? Das Resultat am Schluss dieses 95-minütigen Requiems ist in seiner Lakonik eher erschreckend als überraschend.

Tobias Gerosa

Regie
Jonas Knecht

Mit
David Berger, Luka Dimic, Mathis Künzler, Jonathan Loosli

Bühne und Kostüme
Markus Karner

Musik
Anna Trauffer

Sounddesign
Albrecht Ziepert

Dramaturgie
Michael Gmaj

Produktion
Konzert Theater Bern

16.05—18h00
Länge 1h35 - annulé/abgesagt/annullato