Der Kirschgarten

nach Anton Tschechov

Regie: Yana Ross

Auf einem russischen Landgut erwartet die Familie die Hausherrin aus Paris zurück, Ljuba Ranjewskaja. Das Gut ist hoch verschuldet und muss mitsamt dem herrlichen Kirschgarten verkauft werden. Rettung verspricht ein ehemaliger Leibeigener, denn die Besitzverhältnisse haben sich in der Abwesenheit der Mutter geändert. Anton Tschechows Tragikomödie wurde 1904 am Moskauer Künstlertheater uraufgeführt.

In der ersten Schweizer Inszenierung der lettisch-amerikanischen Regisseurin Yana Ross hat die Leerstelle des Geschehens einen Namen: Ljuba. Die Schauspielerin Danuta Stenka zeigt sie in ihrer beeindruckend starken Interpretation als entwurzelte, zwischen Kulturen, Ländern, Sprachen rastlos suchenden Frau.  

Stenka spielt Ljuba und gleichzeitig sich selbst und den Stoff ihrer Herkunft; sie ist zerrissen zwischen polnischer Muttersprache und dem Anspruch, sich auf Deutsch erklären zu müssen. Ihr Fremdheitsgefühl ist schmerzhaft biografisch, ihr Ringen um Zugehörigkeit und Heimat glaubhaft mit jedem gesuchten und gefundenen Wort. In ihrer Person und ihrer Figur artikulieren sich die Brüche der Migration, zwei Kulturen, die polnische und die deutsche, die schwer zusammenfinden.    

Doch dem Einflussbereich von Ljubas leerer mütterlichen Mitte entkommt niemand. Alle Familienmitglieder, gespielt von einem grossartigen Ensemble, erliegen ihr und der ihr zugewiesenen Funktion, verstrickt in gegenseitige Abhängigkeit, in Rache- oder Verlustgefühle.    

Mit viel Selbstironie verlegt Yana Ross die Geschichte in eine Entzugsklinik, ihre Tschechow-Überschreibung ist radikal zeitgenössisch und zeitkritisch. Hier gibt es keine Kompromisse: Diese Tragikomödie soll die Tragikomödie ihres Publikums sein. Auf der Bühne liegt Zürich, die Weltstadt der Psychiater und Psychologen auf der Couch. Wenn zum Höhepunkt des Abends eine systemische Familienaufstellung den Tatort Familie klären soll, blickt der Zuschauer in einen Spiegel. Dort mag er sich wiedererkennen – oder versäumen.   

Daniele Muscionico

Regie
Yana Ross

Mit
Danuta Stenka, Michael Neuenschwander, Wiebke Mollenhauer, Lena Schwarz, Vincent Basse, Milian Zerzawy, Thomas Wodianka, Steven Sowah, Gottfried Breitfuss

Bühne
Justyna Elminowska

Kostüme
Zane Pihlstrom

Musik
Jonas Redig

Licht
Vilius Vilutis

Video
Algirdas Gradauskas

Live Video
Julian Gresenz

Choreografie
Evelina Stampa

Dramaturgie
Fadrina Arpagaus

Produktionsassistenz
Sultan Coban

Bühnenbildassistenz
Eva Willenegger

Kostümassistenz
Liv Senn, Paula Hermann

Produktion
Schauspielhaus Zürich

13.05.2020—19h30
Länge 2h40 - annulé/abgesagt/annullato